Programmtipp:

Samstag, 4. September 2021, 23.30 Uhr im rbb:

DIE ANDERE HEIMAT

Wie alle ihre Leidensgenossen erleben auch die Bewohner des Dörfchens Schabbach im tiefsten Hunsrück in der Mitte des
19. Jahrhunderts schwere Zeiten der Mühsal und des Darbens. Es herrscht bittere Armut, die Menschen erdulden
Hungersnöte und eine Willkürherrschaft der herrschenden Klasse, die sich nicht um die Bedürfnisse der einfachen
Landbevölkerung schert. Auch der junge Bauernsohn Jakob wächst in Schabbach auf. Sehr zum Verdruss des Vaters und ganz
im Gegensatz zu seinem bodenständigen Bruder Gustav hat er sich zu einem weltfremden Bücherwurm entwickelt, der wie
viele seiner Landsleute von einem „gelobten Land“, dem fernen Brasilien, träumt. Tausende aus ganz Europa sind bereits
ausgewandert in der verzweifelten Hoffnung, dort eine bessere Zukunft vorzufinden. Wissbegierig verschlingt Jakob jedes
Buch, dem er habhaft werden kann, studiert die Sprache der brasilianischen Ureinwohner und führt ein Tagebuch, in dem er
seine Träume, Ideen und Gedanken festhält. Das anmutige Jettchen und ihre herzensgute Freundin Florinchen aus dem
Nachbarsdorf sind fasziniert von diesem ebenso seltsamen wie sensiblen jungen Mann, der sie mit Plänen und Erzählungen
über die Reise in eine fremde neue Welt in seinen Bann zieht. Vor allem Jettchen hat es auch Jakob angetan. Doch
überbordende Sehnsucht ist eine Sache, die harte Lebensrealität eine ganz andere: Krankheiten und Naturkatastrophen
fordern weiter ihren Tribut, die Lage spitzt sich unaufhörlich zu. In Jakobs Familie sind etliche Todesfälle zu beklagen, seine
Fantasien bleiben ihm dennoch. Auch die noch unausgesprochene Liebe zu Jettchen tröstet ihn über manchen schweren
Schicksalsschlag hinweg. Dann kehrt eines Tages Gustav aus dem Militärdienst nach Schabbach zurück – für die Familie ein
Glücksfall, denn dieser erweist sich im Gegensatz zum verträumten Bruder als redlicher Anpacker, der dem geplagten Vater
mit Rat und Tat zur Seite stehen kann. Auf einem ausgelassenen Dorffest überschlagen sich schließlich die Ereignisse – und
lenken das weitere Leben aller Beteiligten in eine neue, gänzlich unerwartete Richtung.
Meisterliches Kino mit großer Geste: Schabbach ist auch diesmal wieder eine Reise wert – und die Welt ein Dorf. Dem
(fiktiven) Hunsrück-Dorf Schabbach hatte das deutsche Autorenfilmer-Urgestein Edgar Reitz bereits zwischen 1982 und 2004
in seiner „Heimat“-Trilogie ein eindrucksvolles Denkmal gesetzt. Für dieses erneut äußerst ambitionierte Projekt kehrte er
nach Schabbach zurück, um eine Art Vorgeschichte der bereits existierenden Erzählung zu entwerfen: Vor dem Hintergrund
einer konfliktreichen Dreieckskonstellation zeichnet Reitz ein hochgradig stimmungsvolles Bild des ländlichen Alltags, der von
harter Arbeit, großer Armut, schweren Rückschlägen, aber auch Zusammenhalt geprägt ist und bei dem der Matsch auf den
Straßen und die Gülle in den Fässern förmlich erlebbar wird. Die Unbill dieses Lebens und die damit einhergehende Zeit der
großen Auswandererwelle gießt der 2013 mit dem Deutschen Filmpreis ausgezeichnete und für den Fremdsprachen-Oscar
2014 nominierte Film in grandiose, mit kleinen Farbeffekten dekorierte Schwarz-Weiß-Bilder von Kameramann Gernot Roll.
Alles in allem: ein Meisterwerk.

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