Der Quotenfuzzi

Von Peter W. Jansen

Er klopfte sich selbst auf die Schulter, ob mit der Rechten auf die linke oder mit der Linken auf die rechte, wird nicht berichtet. Er malträtierte seine von der Last der Sisyphos-Arbeit schon schwer gebeugte Schulter, weil er zwei, wie er sagte, gute Nachrichten zu verkünden habe. Die erste: dass er weitere fünfzehn Jahre in dem Joch ächzen werde, in das er sich selbst eingespannt hatte und auf das er auch nicht hatte verzichten wollen, als ihm ein minder bezahlter ehrenvoller Job zur Verfügung stand. Die zweite gute Nachricht des Programmdirektors der ARD lautete, dass es gelungen sei, im Quotenrennen die Spitzenposition zu erringen. Doch schon musste der Sisyphos bittere Tränen weinen, weil, wie er schon zu wissen meinte, der ganze schöne Erfolg für die Katz sein werde, wenn sich Das Erste, das nun doch endlich einmal seinen Namen zu Recht trage, in den nächsten Tagen der Hochkultur zum Opfer bringe. Zur Prime Time, gleich nach der Tagesschau, und das nicht nur zur Weihnachtszeit. Mit der neuen, schon europaweit als erdumspannendes singuläres Meisterwerk gefeierten „Heimat“-Staffel, sechsmal 88 Minuten plus 30 Sekunden lang.

So jedenfalls wird uns von der Adventsfeier im Bayerischen Hof berichtet, und dass weder eine offizielle Bestätigung noch ein offizielles Dementi angeboten wird -: wen wundert das bei Leuten, die sich an keine Regel halten, aber darauf spekulieren, dass andere sich an Regeln halten. Zum Beispiel an die sogenannte journalistische Sorgfaltspflicht, die bis zu dem Exzess führen kann, sich vom Kritisierten die Kritik aus noch genehmigen zu lassen. Schier alles lässt sich auf diese Weise unterbuttern.

Die ARD leistet es sich also, ihrem Auftrag gerecht zu werden, einem Auftrag, in der von so ungeniessbarem Kram wie Kultur die Rede ist und leider nichts von den Leckereien namens Quote. Was bleibt da einem Sisyphos und Quotenfuzzi anderes, als mal ordentlich Tacheles zu reden.

Es wird berichtet – wohlgemerkt: berichtet, ohne offizielle Bestätigung, aber auch ohne Dementi –, dass unser Held die Gelegenheit der halb privat, halb öffentlich-rechtlich angeordneten Feier vor etwa zweihundert handverlesenen Gästen wahrnahm, gegen ein Spitzenprodukt zu labern, das vom Ersten derweil schon mächtig angetrailert wird. Soll er doch.

Soll er doch? Soll er sein Mütchen kühlen, das ihm während seines heroischen Kampfes gegen „Heimat 3 – Chronik einer Zeitenwende“ abgekauft worden ist? Gesetzt den Fall, ein Angestellter, ein Leitender zumal, von General Motors würde das neue Opel-Produkt madig reden, gesetzt den Fall, ein Angestellter, ein Leitender zumal, von RTL würde eine neue Soap seiner Firma abmeiern -: der eine wie der andere könnte alsbald seinen Hut nehmen. Nicht jedoch ein Sisyphos, dem es fünfzehn weitere Jahre, vertraglich gesichert, vergönnt sein soll, seine Geschmacklosigkeit zum Geschmacksdiktat eines Fernsehprogramms zu machen, das als Das Erste zu bezeichnen nur unter Schmerzen möglich ist. Möge ihn doch der Blitz des Apoll bei seiner liebsten Verrichtung treffen. Beim Quotenzählen.

Peter W. Jansen

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