MP und Landrat spielten sich selbst

Mehr als 70 Laiendarsteller „schufteten“ acht Stunden im Scheinwerferlicht für eine Drei-Minuten-Szene in „Heimat 3“
Ganz schön anstrengend, Komparse beim Film zu sein. Diese Erfahrung machten mehr als 70 Laiendarsteller während eines Drehtages zu „Heimat 3“ an der Anzenfeldermühle im Kellenbachtal.

GEHLWEILER. Eine bunte Schar hatte sich eingefunden, um die lebendige Kulisse für einige verwobene Handlungsstränge von Edgar Reitz zu sein. Die Szene ist kurz erzählt: Ernst Simon stiftet ein Museum für seine umfangreiche Sammlung zeitgenössischer Kunst. Zur Präsentation des Museums-Modells ist ein großer Bahnhof geplant. Wichtige Leute aus Politik und Wirtschaft haben sich angesagt. Entsprechend findet die Vorstellung im großen Stil statt.
Und tatsächlich findet sich am frühen Morgen ein nicht repräsentativer, gesellschaftlicher Querschnitt auf dem Gelände des Sägewerkes ein. Seit Januar 2002 sind Teile des Filmteams hier in Aktion. Für die Bühnenbauer und Ausstatter ist hier der ideale Platz. Schon bei der ersten „Heimat“ wurden hier Kulissen gebaut. Köche kommen in ihren weißen Schürzen, Banker im feinen Anzug, Journalisten im lockeren Dress bepackt mit Kameras, Diktiergeräten und Schreibblocks. Einer tief dekolletierten Weinprinzessin folgen zwei weitere Würdenträgerinnen, Chauffeure kommen mit dicken, schwarzen Karossen, charmante Bedienungen schenken Wein ein. Architekturstudenten aus Darmstadt präsentieren ihre Pläne, Bürgermeister werden von ihren Ehefrauen begleitet. Ein Landrat und ein ehemaliger Regierungspräsident geben sich die Ehre. Aus Mainz kommen ein Fernsehdirektor, hohe Beamte aus den Ministerien, eine pensionierte Kultusministerin und zuletzt der leibhaftige Ministerpräsident.
Sie alle dienen nur einer Sache: Sie wollen, dass das ehrgeizige Filmprojekt des berühmten Regisseurs gelingt und leisten dafür ihren ganz persönlichen Beitrag. Vor der großen Filmkamera und im gleißenden Scheinwerferlicht sind alle gleich. Eindeutig sind die Kommandos der Regieassistentin.
Sie erinnert an eine strenge Lehrerin früherer Schulzeiten. Wenn sie „Ruhe!“ sagt, ist wirklich Ruhe. Disziplin wird groß geschrieben am Set. Auf den Millimeter genau werden die Komparsen positioniert. „Niemals in die Kamera schauen“, ist ein Grundsatz. Den Anweisungen ist unbedingt Folge zu leisten. Die festgelegte Kleidung darf auf keinen Fall verändert werden. Die Benutzung der Toilette soll ausschließlich in den Umbaupausen erfolgen. Handys ausschalten ist selbstverständlich. Trotz allem macht es großen Spaß.
Schnell versteht der Laie, dass die für die Szenen erforderliche Präzision nur durch diese Disziplin möglich ist. Edgar Reitz gibt knappe, klar formulierte Anweisungen. Das ganze Team von rund 20 Personen setzt sie direkt um. Nur während der Mittagspause wird das Gleichheitsgebot aufgehoben. Die „VIPs“ speisen im alten Mühlengebäude, die Statisten in einer leer geräumten Halle. Ministerpräsident Beck kommt zum „Fußvolk“, nimmt mit ihm zusammen das köstliche Mittagsessen ein. Rund acht Stunden wird konsequent gearbeitet, daraus werden drei Minuten im späteren Film.
Für die Komparsen gibt es 40 Euro Gage bar auf die Hand und das Bewusstsein, auch irgendwie eine tragende Rolle in einem bedeutenden Werk gespielt zu haben.
Werner Dupuis

Artikel in der Rheinzeitung vom 23.06.2003
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