Reise nach Schwabing

Heimat“, sagt Eva-Maria Schneider, „Heimat brauchen wir alle.“ Ihre beschreibt sie in vier Worten: „Das ist der Hunsrück.“

“ Ein bißchen mehr hat Edgar Reitz benötigt: zwei TV-Serien. Dafür fand er die Heimat auch zweimal. Im Hunsrück zunächst, hier ist er geboren. Dann in München, wo die Provinz vergessen werden sollte – zumindest im Film. „Heimat“ schrieb Fernsehgeschichte. „Die zweite Heimat“ wird auf diesem erfolgreichen Weg folgen, sagen Kritiker. Sagt auch Eva-Maria Schneider aus Kirchberg, eine von vielen Laiendarstellern. Und eine von wenigen, die in beiden Filmen mitspielt.

Nein, es sind nicht die anerkennenden Worte der Experten, die Eva-Maria Schneider so glücklich machen. Doch was es wirklich ist, kann wohl nur sie selbst begreifen. „Du hast so viel für mich getan“, habe sie voller Dank zu Edgar Reitz gesagt. So viel, daß sie ein neuer Mensch geworden sei im Laufe der Jahre, mit den Dreharbeiten. „Selbstbewußter und freier“, sagt die 52jährige. Heute sei sie nicht mehr die „Kirchberger Hausfrau, die früher tausend Tode gestorben wäre“, wenn sie ein Interview hätte geben müssen oder wenn sie fotografiert worden wäre. Nun seien die Zeiten der „Landpomeranze“ vorbei. Nicht (nur) aufgrund zweier Filme, vor allem durch menschliche Beziehungen. Durch Freundschaften über unzählig viele Drehtage hinaus. Nicht für den Film, sondern fürs Leben.
„Heimat“, das war – das ist – eine dörfliche Familienchronik aus dem Hunsrück. Sie spielt zwischen 1919 und 1982 in Schabbach, der kleinen Gemeinde Woppenroth im „richtigen“ Leben. Ausgestrahlt via Bildschirm wurde die Serie in elf Teilen, eine Wiederholung war unumgänglich, und es wird vermutlich nicht die letzte gewesen sein. 25 Länder kauften die „Heimat“, deren Erfolg sich in Edgar Reitz personifiziert. Für das Selbstbewußtsein und Können des Regisseurs spricht, daß er „Die zweite Heimat“ schrieb und sich mit ihr zwangsläufig einem Vergleich aussetzte. Auch, wenn sie keine Fortsetzung sein soll. Und nicht ist. Auch der Dimensionen wegen: 26 Stunden, die im kommenden Jahr in 13 Teilen ausgestrahlt werden sollen.

Aus dem Hermännchen wurde der Hermann

Aus Schabbach wurde Schwabing, aus dem Schüler Hermännchen der Musikstudent Hermann. Jener junge Mann, der sich beim Abschied aus der Heimat schwor, nie mehr in den Hunsrück zurückzukommen. Dorthin, wo ihm die Familie seine Liebesbeziehung zu einer zwölf Jahre älteren Frau zerstört hatte. Hin Abschied im Bösen, voller Haß. Gegen alles und jeden.
Entgegen aller Schwüre kehrt Hermann eines Tages doch heim – als erfolgreicher Komponist. „Heimat“ findet mit dieser Szene ihren Schluß. „Die zweite Heimat“‚ springt um Jahre zurück und beginnt zu den Zeiten des endgültig beschlossenen Abschieds.
Während Hermann in München versucht, sich von seiner Vergangenheit zu lösen und sogar eine Sprachschule besucht, um vom Hunsrücker Platt wegzukommen, darf -ja muß – sich eine auch in der „Zweiten Heimat“ zu ihrer Herkunft bekennen: „Marie-Goot“ alias Eva-Maria Schneider. Als Edgar Reitz sie für seinen zweiten Film holte, sei sie von einem „glücklichen Gefühl“ befallen gewesen. Und das Glück ist geblieben.
„Blut geleckt“ hatte die gebürtige Kirchbergerin bereits Ende der siebziger Jahren. Damals begleitete sie einige Kinder – unter ihnen ihre jüngste Tochter – zu Aufnahmen für den Film „Regentropfen“. Ganz überraschend habe man auch sie gefragt, ob sie eine kleine Rolle übernehmen wolle. Das habe viel Spaß bereitet.

„Natürlich reizte es, mit Reitz zu arbeiten“

Als Edgar Reitz 1980/81 im Hunsrück Leute für „Heimat“ suchte, habe ihr Vater sie gedrängt, sich zu melden. „Was mir keiner glaubt, ich bin sehr schüchtern“, sagt Eva-Maria Schneider mit ein wenig unsicherer Stimme. Es glaube keiner, weil sie diese Charakterschwäche einfach überspielt. Das tut sie gut. „Natürlich hatte es mich gereizt, mit Reitz zu arbeiten“, erinnert sie sich an die damalige Situation. Aber es bedurfte erst der Nachfrage von Wolfram Wagner, dem Leiter der Kirchberger Laienspielgruppe: „Willst du die ,Marie-Goot‘ spielen?“ „Ich würde schon“, zierte sich Eva-Maria Schneider noch immer und schob zeitliche Probleme und familiäre Belastungen vor. Bei der Andeutung von nur zehn, zwölf Drehtagen sagte sie schließlich zu. Daß es am Ende 42 Drehtage wurden, konnte niemand vorhersehen. Und die Kirchbergerin ahnte nicht, daß sie keinen dieser Tage missen möchte.

Das Problem lag zunächst ganz woanders. „Ich hatte immer diese Frisur“, sagt Eva-Maria Schneider und zieht an ihren kurzen, grauen Haaren. Schneiden verboten, hieß es von jenem Tag an, als sie die Rolle der „Marie-Goot“ – einer Mittfünzigerin bei den Anfangsszenen – in der Tasche hatte. Wenigstens ein bißchen Fasson habe sie reinbringen wollen. „Fasson? Das ist das letzte, was wir brauchen!“ habe man ihr daraufhin gesagt. Und so habe sie schließlich „mit einer Frisur zum Gotterbarmen“ eine Hochzeit, eine Taufe, eine Kommunion und viele andere wichtige private Termine mitmachen müssen. „Der Friseur hat mir eine Dauerwelle verpaßt, die hat neunzehn Monate gehalten – Sie können sich vorstellen, wie meine Frisur aussah! Da habe ich in meinem zarten Alter halt noch Zöpfe getragen …“
Eine von ganz wenigen unangenehmen Erinnerungen. Sie wären vermutlich längst vergessen, wäre nicht schon wieder ein bißchen Komik – und damit Freude – verbunden. Wichtiger aber ist die Erinnerung an unzählig viele schöne Stunden. „Edgar Reitz hat jedem das Gefühl vermittelt: Was du machst, ist wichtig! Selbst die kleinste Rolle.“

Am 31. Oktober 1982 – das Datum kommt aus dem Effeff – sind die Dreharbeiten für „Heimat“ abgeschlossen. Ende 1989 trifft die Anfrage ein, ob Eva-Maria Schneider in „Der zweiten Heimat“ noch einmal als „Marie-Goot“ mitwirken wolle. Hermännchens Abiturfeier soll im Hunsrück gedreht werden. Später wird eine weitere Szene reingenommen: Marie-Goot reist mit Tante Pauline nach München zu Hermanns Hochzeit. „Ein ganz kleiner Part“, spielt die Kirchbergerin ihre Rolle runter. Und trotzdem: „Wie gerne habe ich sie übernommen! Egal, wie klein die Rolle ist – Hauptsache, daß…“

Die kleine Szene richtig genossen

Es sei ihre Freude am Verkleiden, an der Maske bis hin zu den Gummifalten. „Das ganze Flair!“ Es scheint, als durchlebe Eva-Maria Schneider in diesem Moment noch einmal die Zeit der Dreharbeiten. „Wir waren ein echtes Team. Wenn es nur eine Tafel Schokolade gab, dann wurde sie so geteilt, daß jeder ein Stückchen davon bekam.“ Egal, ob Profi-Schauspieler oder Laiendarsteller.
So klein die Rolle in der „Zweiten Heimat“ auch ist, Eva-Maria Schneider hat sie genossen. Sie denkt an die Szene, als sie mit Tante Paula nach München reiste. Voller Erwartung des ausgefallenen Freundeskreises von Hermann, einer avantgardistischen Künstlerclique in den wilden 60er Jahren. Jene Geschehnisse, die Eva-Maria Schneider nur „am Rande“ mitbekam: „Die eigenen Sorgen waren wichtiger als die in München und Berlin.“ Ohnehin galten auf dem Lande andere Gesetze. Im Film steht sie jungen Leuten aus der Provinz gegenüber, die in der Großstadt etwas erleben möchten. Die Frust durch Freiheit verdrängen wollen. Die Überraschung folgt prompt: „Alles ganz normale Leute, die beiden Exoten waren wir beiden aus dem Hunsrück. Und wir haben Hermann furchtbar blamiert.“ Die Kirchbergerin lacht schallend, als sie an diese Szenen denkt.
Aber es sind mehr als Äußerlichkeiten, die sie mit den beiden Filmen verbindet. „Ich bin Hermanns Jahrgang. Und ich habe – wie er – meine erste große Liebe abrupt beendet.“ Eva-Maria Schneider überlegt: „Ich empfinde seinen Schmerz, denn es ist derselbe wie der einer Frau.“
Nein, viele Sonnenstunden hat die Kirchbergerin nicht gehabt in ihrem Leben, Ihre Mutter starb sehr fürh, sie mußte ihren Beruf aufgeben und sich um die Familie sorgen. Mit 18 bekam sie „das erste Kind, ohne verheiratet zu sein“. Für damalige Verhältnisse schlimm, vor allem auf dem Lande. „Meine Eltern hatten viele Erwartungen in mich gesteckt, und ich habe sie nicht erfüllen können. Das tut mir heute sehr leid.“ Später heiratete Eva-Maria Schneider, hat jetzt drei Kinder, eine Enkelin. Ihr Mann starb vor zwanzig Jahren bei einem Verkehrsunfall.
Die 52jährige Kirchbergerin ist geprägt von all diesen Geschehnissen, in denen sie sich durchsetzen mußte – für sich und ihre Kinder. „Ich war vielleicht stärker, als es den Anschein hatte.“ In der Rolle der „Renate“ habe sie in der „Zweiten Heimat“ eine Figur entdeckt, in der sie sich oftmals wiedererkenne: „Der Renate geht alles schief, aber sie hat immer den Kopf oben. Sie steckt weg.“ Worte voller Bewunderung.
Edgar Reitz hat Hermann vom Hunsrück weggeholt. Er findet seine „zweite Heimat“ in München. Eva-Maria Schneider bleibt – auch mit dem Herzen. „Heimat sollte für jeden wichtig sein. Jeder sollte eine Heimat haben. Ich möchte meine ungern aus den Augen verlieren. Ich fahre gerne weg, aber ich weiß überall: Die Heimat wartet.“ Weniger stolz sei sie angesichts der ausländerfeindlichen Krawalle, eine Deutsche zu sein. Was sie sich wünscht? „Ein bißchen mehr Toleranz.“

„Im Hunsrück ist das Leben lebenswert“

Die Gedanken kehren zurück in die Heimat. Die Hunsrücker seien „rauh, aber herzlich – nicht weich gebacken“. Edgar Reitz habe Landschaft und Leuten einen guten Dienst erwiesen mit seinem Film, habe gezeigt: „Hier ist das Leben lebenswert.“ Auch wenn sich Hermann – äußerlich – gelöst hat vom Hunsrück. Er erweitert seinen Wortschatz, legt den Dialekt ab. „Aber deine Großmutter“, sagt Eva-Maria Schneider zu Enkelin Melissa, „deine Großmutter, die schwätzt Platt.“ Und ihre Rolle? „Ich war mit mir zufrieden.“ Spaß hätte sie schon, in weiteren Filmen mitzuwirken. „Aber ich wüßte nicht, wer mich holen soll.“ Pause. „Es sei denn, Edgar macht noch ’ne Folge.“ Pause. „Es muß ja nicht die „Marie-Goot“ sein, da würde ich schon mit ihm verhandeln.“ Selbstsicher ist sie eben geworden. Nicht nur im Film.


Artikel in der Rheinzeitung vom 26.09.92
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