Otto Prochnow

komissarEr spielte den Kriminalinspektor in HEIMAT.

In einer Email vom 28.03.21 schildert er seine Erinnerungen rund um HEIMAT, DIE ZWEITE HEIMAT und HEIMAT 3:

Die Aufmerksamkeit, die ich kurz nach dem Start der „Heimat“ erleben durfte ist doch weitgehend abgeebbt. Es liegen ja auch schon fast 40 Jahre dazwischen.
Dennoch ganz liebe Grüße an alle Heimatfans. Uns verbindet sicherlich der erzählerische Stil von Edgar Reitz und seine Liebe zum Detail. Die habe ich während der Dreharbeiten sehr oft miterleben dürfen.

Mein Zeitgedächtnis hat nach so vielen Jahren natürlich nachgelassen. Aber ich denke, es war so Mitte 1982, als mein damaliger Chef, Landrat des Rhein-Hunsrück-Kreises, mich in sein Büro rufen ließ. Dort saßen am runden Konferenztisch Edgar Reitz, Ingeborg Richter (Finanzchefin), Robert Busch und natürlich mein Chef. In dieser Runde wurde ich dazu bestimmt, das Drehteam durch den Dschungel von Gesetzen, Rechtsverordnungen und ähnlichen Hindernissen zu leiten. Ich war zu dieser Zeit stellvertretender Leiter der Ordnungsbehörde. Mit etwas Skepsis sagte ich zu. Was blieb mir auch anderes übrig? Schließlich haben Chefs das Sagen. Ich beruhigte mich aber schnell und dachte, was soll schon passieren. Insofern war meine Ahnungslosigkeit recht hilfreich.

Ich war nun Drehteam-Betreuer. Edgar, wir haben sehr schnell zum „du“ gefunden, war mit Sack und Pack in Schlierschied einquartiert. Der Ort ist ca. 2 Km von Woppenroth, dem späteren Schabbach entfernt. Vor Beginn der eigentlichen Dreharbeiten musste Woppenroth zeitgerecht verändert werden. Mit Genehmigungen der Verkehrsbehörde, der Polizei und des Straßenbaulastträgers wurden alle Verkehrszeichen entfernt, die moderne Straßenbeleuchtung abgebaut und die Teerdecken aller Straßen im Ort wurden zugesandet (?) und zugeschottert. Am Ortseingang wurde ein Sammelparkplatz angelegt, den die Dorfbewohner nutzen konnten. Das Haus Wiegand wurde in einer Baulücke als Vorderfront-Fassade errichtet. Für den Durchgangsverkehr in Richtung Rhaunen (Eduard war dort während der Nazi-Zeit Bürgermeister) wurde ein Wirtschaftsweg, der bisher nur der Landwirtschaft zur Verfügung stand, ausgebaut. Er wurde durch eine einfache Teerdecke befestigt und ließ sich mit entsprechender Geschwindigkeitsbeschränkung befahren. Hier begannen eigentlich schon einige Alpträume. Aber et iss noch immer joot jejange sagt der Kölner. Und das traf auch voll auf unsere neu geschaffene Verkehrssituation zu. Schabbach erhielt neue Ortseingangsschilder. Unter „Schabbach“ stand „Regierungsbezirk Koblenz“.

An irgendeinem Drehtag war ich mal wieder „dienstlich“ in Schabbach. Eine gewisse Aufregung war spürbar. Der Darsteller für die Rolle des Kriminalinspektors fehlte. Kurze Zeit später kam Robert auf mich zu und sagte „Glückwunsch, du bist unser neuer Kriminalinspektor“. Ohne die Chance einer Gegenwehr zu haben saß ich Minuten später in der Maske, die mir einen fürchterlichen Haarschnitt verpasste. Kleine Plastikschüssel aufsetzen und alle Haare die rausschauen abrasieren. Nicht gerade schön, aber zeitgerecht. Später habe ich erfahren, dass Robert für mich mit den Worten „Edgar, wir nehmen den, Beamter ist Beamter“, geworben hat.
Und so begann meine Laufbahn unter einem völlig neuen Dienstherrn.
Als Dienstwagen hatte ich einen Acht-Zylinder Horch mit Chauffeur. Der Wagen war schon beeindruckend.
Die Szenen, in denen ich mitgewirkt habe, sind unvergessen. Die wichtigsten bringe ich zusammen, die zeitliche Abfolge leider nicht mehr. Das dürfte jedoch das kleinere Übel sein.

Michael Lesch spielte den jungen Paul Simon, der mich zu einer Frauenleiche im Wald führte.
Am Ende des Drehtages meinte Michael, wenn der Streifen was wird, kaufe ich mir vom ersten Geld einen gebrauchten Porsche. Michael hat nach Heimat in verschiedenen TV-Serien als Arzt, Fahnder und aktuell als Zoodirektor mitgewirkt. Es wird wohl für einen neuen Porsche gereicht haben.

Im Rahmen meiner Ermittlungen hatte ich das Stink-Pittche aus Morbach beauftragt, in einer bestimmten Güllegrube in Schabbach nach einer Kindesleiche zu suchen.
Stink-Pittche, sein Name war Beruf, entleerte gegen Bezahlung Güllegruben. Das ging damals noch per Eimer mit langem Stil und Güllefass auf einem Leiterwagen.
Eine Kinderleiche wurde nicht gefunden, dafür aber die NSU von Bürgermeister Wiegand.
Als die Maschine auftauchte dachte ich blitzartig hoffentlich sieht Ernst-Werner das nicht.
Warum mich dieser Gedanke durchzuckte ist schnell erklärt.

Franzi Bauer, nach Edgars Meinung der beste Filmausstatter weltweit, brauchte für Wiegand dringend eine alte NSU. Ich wusste wer ein solches Sammlerstück besaß. Ernst-Werner, Juniorchef eines großen Autohauses in Simmern. Mit Engelszungen konnte ich ihn überreden, seine NSU für die Dreharbeiten Franzi zu überlassen. Es darf aber nichts an die Maschine kommen, nicht die kleinste Macke, Franzi wird sie behandeln wie ein rohes Ei und du bekommst sie unversehrt zurück. Genau das war unsere Abmachung. Von dem Tauchgang der NSU wusste ich auch nichts.
Bei der Auftaktsendung 1984 erlebte Ernst-Werner wie seine Maschine am Haken von Stink-Pittche auftauchte. Sein Schreck legte sich aber schnell. Die Maschine stand ja seit Monaten auf Hochglanz poliert in seiner Ausstellungshalle.

Am Rande von Schabbach lebte allein mit seinem Schäferhund so eine Art Eigenbrötler. Er hauste in einer Holzbaracke. Das ganze Grundstück war mit einem Holzzaun eingefriedet. Im Rahmen meiner Ermittlungen musste ich auch ihn vernehmen. Aus Vorsicht, oder war es Angst (?), hatte mein uniformierter Begleiter einen Polizeihund mitgenommen. Ebenfalls einen Schäferhund. Es war geplant, dass die Hunde sich von diesseits und jenseits des Zaunes ankläffen sollten. Der Hundetrainer, aus dessen Zwinger die Tiere stammten, brachte die Tiere in Rage. Sie sprangen am Zaun hoch und lächelten sich dann aber freudig zu. Sie hatten sich erkannt weil sie aus ein und demselben Zwinger stammten. Weitere Versuche waren erfolglos. Daran hatte Franzi Bauer überhaupt nicht gedacht. Gernot Roll, Kameramann, musste zwei Einstellungen abdrehen. Erst sprang der Hund des Eigenbrötlers innen am Zaun hoch. Der Trainer konnte ihn, wie vorgesehen, wütend machen und dann sprang vor dem Zaun unser Polizeihund hoch. Den Rest erledigte der Filmschnitt. Das merkt später keiner, meinte Gernot und so war es auch.

Bis auf die nicht ganz geglückte Hundeauswahl hat Franzi immer topp funktioniert.
Weil Edgar es so wollte musste Franzi fünf bis sechs Hühner auf einen Misthaufen in unmittelbarer Nähe der bereits erwähnten Güllegrube setzen. Die Hühner rührten sich nicht. Sie saßen wie versteinert da, wo Franzi sie hingesetzt hatte. Sie bewegten sich erst mit dem Fallen der Klappe. Ich war voller Bewunderung. Franzi meinte es sei nicht allzu schwer das hinzubekommen. Ich nehme das Huhn, schaue ihm ganz tief in die Augen, hypnotisiere es und es bleibt solange sitzen, bis die Klappe fällt. Erst dann fängt es an auf dem Misthaufen zu scharren.
Dass dem nicht so war habe ich später erfahren. Franzi fuhr allen Hühner mit raschen Bewegungen seiner flachen Hand über den Kopf. Die Hühner waren für mehrere Sekunden benommen und bewegten sich erst wieder nach dem sie ihre Orientierung gefunden hatten.

Überhaupt war Franz Bauer ein liebenswürdiger Mensch. Niemand konnte ihm eine Bitte abschlagen. Und so kursierte schon bald ein Witz durch den Ort: Ei Karl, warum streichst du dein Haus lila. Dass sieht ja scheußlich aus. Ich weiß, aber der Franz will es so.

 

Ein paar Jahre später überließ ich Franzi mein Wohnhaus in Simmern. Die Dreharbeiten zu Heimat II hatten begonnen. Durch das Wohnzimmerfenster kann man direkt auf eine Anhöhe mit der herzoglichen Stephanskirche sehen. Diesen Blick wollte Gernot Roll unbedingt haben. Im Wohnzimmer erhielt Hermännchen Klavierunterricht. Das klingt einfach und genau das ist es nicht. Ich meine nicht den Musikunterricht. Der Boden des Zimmers wurde mit Spanplatten ausgelegt. Darauf wurden Schienen befestigt, auf denen der Kameraschlitten sich langsam auf das Fenster zu bewegte um den tollen Blick aufzunehmen. Im restlichen Haus lagen armdicke Kabel herum. Überall standen Scheinwerfer. Selbst im Garten. Da wurde mir klar, weshalb Gernot mit einem Möbeltransporter vorgefahren war. Im Übrigen wurde in meiner Küche noch nie so viel Kaffee gekocht, wie zu dieser Zeit.

Die Heimat III sollte eigentlich „Die Zeitenwende“ heißen. Aber damit konnte Edgar sich nicht durchsetzen. Die TV-Gewaltigen bestanden auf Heimat III.

Im Hunsrück hielt sich hartnäckig ein Gerücht. Edgar Reitz dreht Heimat III. Die Zeit nach der Wende.
Schon bald konnte ich feststellen, dass es nicht nur Gerücht war.
Edgar Reitz und Robert Busch kamen eines Tages in mein Büro. Es gab mal wieder ein Problem. Das Günderode-Haus wurde gesucht. Es sollte ein älteres Fachwerkhaus sein. Wir bauen es ab und es wird etappenweise in der Nähe des Dorfes Urbar mit Blick auf den Rhein wieder aufgebaut. Das war der Plan. Mir war gleich klar, dass sich ein solches Vorhaben nicht kurzfristig realisieren lässt. Ein stattliches Fachwerkhaus, unbewohnt, bereit zum Abbau, das war nicht leicht zu finden. Es war eine plötzliche Eingebung, die mich noch in gleicher Stunde an die Firma ARS LIGNI denken ließ. Ich kannte den Eigentümer. Seine Firma war spezialisiert auf historisches Bauen. Schnell war ein Termin vereinbart . Edgar und Robert fuhren schon am nächsten Tag nach Münchwald. Dort lag der Firmensitz von ARS LIGNI. Noch am Abend erhielt ich eine Mail von Robert. Da stand nur ein Wort
„Bingo“ !
Das Günderode – Haus war gefunden und zwar per Katalog. Herr Rummeney, der Firmenchef, hatte alle seine historischen Objekte fotografiert. Edgar entschied sich für das Haus, das wir aus Heimat III kennen. Das Haus lag mit anderen Objekten in einer Halle. Es war zerlegt und alle Einzelteile waren nummeriert. So konnte es jederzeit aufgebaut werden. Auch etappenweise, ganz nach Drehbuch.
Der Standort des Hauses lag außerhalb von Urbar. Die Baubehörde erteilte eine Genehmigung zum Errichten des Günderodehauses nur mit einer zeitlichen Begrenzung. Es sollte spätestens ein Jahr nach Beendigung der Dreharbeiten wieder in seine Einzelteile zerlegt werden. Daran habe ich zu keiner Zeit geglaubt. Wer wie ich mehr als 3 Jahrzehnte Behördenleben hinter sich hat, kennt den weiteren Verlauf. Nach den Dreharbeiten kommen erste Rufe aus der Touristik. Das Haus muss bleiben. Ein Anziehungspunkt für Touristen. Schon bald berät sich der Stadtrat. Er stimmt für den Verbleib, zumal sich schon ein Interessent gemeldet hat, der dort ein Cafe-Restaurant betreiben will.
Das ist auch der aktuelle Stand. Auch die Filmgräber aus der ersten Heimat sind auf dem Friedhof an der Nunkirche bei Sargenroth geblieben, obwohl die leeren Särge die geweihte Erde nach den Dreharbeiten wieder verlassen sollten.

Ein kleiner Rückblick sei mir gestattet. Von den Dreharbeiten in meinem Haus war meine damals 13-jährige Tochter fasziniert. Onkel Edgar, ich möchte Schauspielerin werden. Was muss ich tun?
Mach erstmal ein gutes Abi und dann sehen wir weiter, meinte Edgar. Julia besitzt seit Jahren ihr Bühnendiplom und hat in Heimat III die Rolle der Moni aus Oberwesel gespielt. Danach folgten überwiegend Bühnenengagements. Deshalb ist sie auch nicht so bekannt wie einige TV-Stars.

Im letzten Epos „Die andere Heimat“ hatte sie die Rolle der Dorfhebamme übernommen. Leider musste Edgar die Erzählung stark kürzen. Sie hätte nahezu vier Stunden gedauert. Das wollte der Sender nicht mittragen. Eigentlich schade. Die „Andere Heimat“ ist ohne mich ausgekommen. Ich bin alt geworden und dann gerät man schnell aufs Nebengleis. Gott sei Dank nicht aufs Abstellgleis, denn Heimat hat mich bis heute nicht ganz losgelassen. Bei Bedarf springe ich ein, wenn Touristen auf den Spuren von Heimat wandeln möchten. Dann besuchen wir Woppenroth, Gehlweiler, Büchenbeuren (dort steht die Villa Lucie in der Eduard als Bürgermeister von Rhaunen und seine Frau residierten), es folgen die Gräber an der Nunkirche …und …und…und.
Dabei werden die Erinnerungen wieder wach und ich weiß, ich bin immer noch in meiner Heimat.

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